FRIEDRICH-SPEE-GYMNASIUM RÜTHEN Zurück zur Theaterseite
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Heinrich von Kleist - Übermaß an Strenge und Zucht

Deutschlands gewichtigster Dichter um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Goethe, ist der Nachwelt in nahezu allen Lebensaltern im Bild überliefert. Von Kleist gibt es so gut wie keine Portraits. Aus einer künstlerisch unbedeutenden Miniatur blickt dem Betrachter ein kleines, glattes, geradezu nichtssagendes Knabengesicht entgegen, das nichts Inneres, Seelisches offenbart. Das liegt nicht zuerst an der künstlerischen Schwäche des Malers, es liegt vor allem an dem verschlossenen, weitgehend unbekannten Kleist, der sich im Leben keinen Platz erobern konnte, kein Amt, keine gut dotierte Stellung, keine Frau, keine Anerkennung und keine Liebe. Am Ende seines kurzen Lebens verbrannte er, der Goethe den Lorbeerkranz von der Dichterstirn reißen wollte, nachdem er sich ihm "auf den Knien seines Herzens" genähert hatte und sich kalt zurückgestoßen sah, der mit seinen Dramen Aischylos und Sophokles, Schiller und Goethe übertreffen wollte, einen Teil seines Werkes.

Kleist - ein in jeder Hinsicht Unbändiger, Maßloser, ein Rasender, auch in seinem Scheitern, das er als orgiastische Selbstmordfeier, als letztes Liebesmahl mit der todkranken Henriette Vogel, inszenierte, "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein." Im Leben blieb er für die meisten ein flüchtiger Schatten, der durch ganz Europa irrte, das unter den Napoleonischen Kriegen litt, galt mehrmals als verschollen, wurde für tot erklärt, tauchte ab für Wochen auf einer kleinen Insel im Thuner See, wo er sich in "Robert Guiscard" selbst portraitierte, in dem kranken Feldherrn, der fiebert vor innerer Kälte und glühend fiebert nach der größten Ruhmestat: der Eroberung Byzanz'.

Ein Salon-Literat war Kleist nicht, er war ungeeignet für smarte Konversation, schwieg meistens, und wenn er sprach, redete er stockend, leise; im Grunde sprach er nur mit sich selber. Kleist wußte stets, daß ihm in diesem Leben nicht zu helfen war, er wußte, daß in seiner Seele, von einem äußerst robusten Körper umgeben, ein Vulkan der verworrendsten Gefühle tobte, daß sich Menschen, die sich ihm zu sehr näherten, an ihm versengten. Deswegen mied er die Menschen und zog doch einige wenige in seinen Bann, überschüttete sie mit maßlosen Liebesansprüchen, die sich im gemeinsamen Selbstmord erfüllen sollten.

Kleist machte sich ständig den Prozeß, und seine Selbsturteile verraten das selbe Übermaß an Strenge und Zucht, das sein Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, für Liebe und Haß, für höchste Bildung und wildeste Triebhaftigkeit ausmacht.

Rahel Varnhagen, die in Berlin den bekanntesten literarischen Salon führte und ein wenig tiefer in Kleists Seele blicken konnte als viele andere, sagt über ihn: "es ging streng um ihn her" und trifft damit den Kern der Atmosphäre seines Wesens. Zugleich gilt für Kleist das, was er seiner Penthesilea in den Mund legt: "Verflucht das Herz, das sich nicht mäßigen kann."

Kleist - ein Meister der Komödie.

"Der zerbrochne Krug" ein Zufallsprodukt, das aus dem Rahmen fällt? Aus einer Wettlaune heraus konzipiert? Der Dorfrichter Adam ist ein mit komischem Gewand verkleideter tragischer Ödipus, der sich selbst den Prozeß machen muß, ohne sich seine Schuld eingestehen zu wollen und zu können. Einer, der in die Irre gegangen ist und am Ende des Verfahrens ohne seine Perücke ganz nackt dasteht. Hinter einer peinlichen Affaire wird sichtbar die Tragödie des Menschen, der Liebe suchte. Der alternde Goethe wandelte seine peinliche Affaire, seine Liebe zu einer Siebzehnjährigen, um in die poetische "Marienbader Elegie". Kleist ist ein solches Gedicht nie gelungen. Aber auch den Dorfrichter Adam enthebt eine Zeile aus Goethes Gedicht jeder Peinlichkeit: "Das Paradies, die Hölle steht dir offen".

Karl Heinz Knüwe


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