Griffith-Joyners Tod hinterläßt Fragezeichen
Quelle: Rheinzeitung 22.09.98
Los
Angeles - Nach dem tragischen Tod der legendären Florence Griffith-Joyner
haben führende Sportmediziner das "Ende unerträglicher Dopingspekulationen"
gefordert und damit einen neuen heftigen Meinungsstreit mit dem Heidelberger
Molekularbiologen Professor Dr. Werner Franke ausgelöst. Die Welt des Sports
trägt Trauer. Die 38 Jahre alte 100- und 200-m-Weltrekordlerin war in der
Nacht zum Montag in Los Angeles einem Schlaganfall erlegen.
Lorna Boothe, ehemalige Trainingspartnerin Griffith-Joyners, nährte am Dienstag die Doping-Spekulationen um die Fabelathletin. "Ich war von ihrem damaligen Leistungssprung total überrascht. Im Jahre 1987 habe ich dann eine Krankenschwester getroffen, die in einem kalifornischen Hospital arbeitete und mir bestätigte, daß Flo-Jo regelmäßig mit anabolen Steroiden und Testosteron behandelt wurde", sagte die 43 Jahre alte heutige Team-Managerin des britischen Leichtathletik-Verbandes.
Professor Franke forderte die "Obduktion von Florence Griffith-Joyner" und eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung in Los Angeles: "Dieser Todesfall war vorauszusehen. Die Staatsanwaltschaft muß auf die Veröffentlichung der Unterlagen der unter Verdacht stehenden Mediziner drängen." Die US-Sprinterinnen seien von dem Mediziner Robert Kerr behandelt worden. Nach Meinung Frankes seien seinerzeit nicht nur Anabolika, sondern schon in den frühen 80er Jahren auch erstmals Wachstumshormone eingesetzt worden.
Nach
Aussage von Franke gibt es allein in Deutschland über 50 Forschungsarbeiten,
die auch bei niedrigen Dosierungen von Anabolika dramatische Folgewirkungen
nicht ausschließen. Franke vergleicht den Zustand von Florence Griffith-Joyner
mit dem von Ralf Reichenbach. Der Berliner Kugelstoßer war im Februar
an einem Herzinfarkt gestorben. Der Spiegel schrieb seinerzeit: "Der 47jährige
hatte das schwache Herz eines 80jährigen." Eine Obduktion Reichenbachs
hatte die Berliner Staatsanwaltschaft abgelehnt.
"Das sind alles unbewiesene Vermutungen"
Einen ersten tragischen Todesfall in Zusammenhang mit Medikamenten-Einnahme
hatte es in der deutschen Leichtathletik am 10. April 1987 gegeben: Damals starb
die Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel an einem allergischen Schock.
Der Sportmediziner Professor Dr. Heinz Liesen (Paderborn) nannte die Vermutungen
von Franke "unerträglich und an den Haaren herbeigezogen". "Es
kann kein Zweifel daran bestehen, daß ein Zusammenhang zwischen Anbolikagaben
und einem Infarkt oder Schlaganfall nur bei extrem hohen Gaben über einen
langen Zeitraum hergestellt werden kann", sagte Liesen. Liesen führte
Todesfälle von bekannten Bodybuildern an, die sich nachweislich Höchstdosierungen
verabreicht hätten.
Olympia-Arzt Professor Joseph Keul (Freiburg) verurteilte ebenfalls alle Spekulationen: "Man kann diesen tragischen Fall nicht automatisch mit Anabolikakonsum in Verbindung bringen. Das sind alles unbewiesene Vermutungen."
"Gesicherte Beweise gibt es nicht"
Auch Professor Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter des Biochemischen Instituts
der Deutschen Sporthochschule Köln, hält den Zusammenhang von Anabolikagaben
und Infarkten oder Schlaganfällen für nicht beweisbar. Schänzer:
"Es gibt allenfalls Hinweise, daß bei Anabolikakonsum langfristige
Folgeschäden nicht auszuschließen sind. Aber gesicherte Beweise gibt
es nicht." Das sieht Franke völlig anders: "Gefäßveränderungen
sind bei Anabolikakonsum vorprogrammiert, das ist nachgewiesen. Sowohl Schlaganfälle
als auch Infarkte können da nicht überraschen."
International löste der Tod der legendären Athletin heftige Reaktionen
aus, auch international präsentiert sich das Meinungsbild kontrovers. Der
neunmalige Olympiasieger Carl Lewis sagte: "Sie war eine große Athletin,
ich bin unendlich traurig." In seiner Autobiographie hatte er geschrieben:
"In der Welt der Leichtathletik hatte die Meinung, daß Florence gedopt
war, Allgemeingültigkeit." Hürdenläuferin Sandra Farmer-Pattrick
brach in Tränen aus, als sie vom Tod Griffith-Joyners informiert wurde:
"Ich kann das immer noch nicht glauben, sie war eine so große Athletin.
Sie ist die Patin meiner Tochter Sierra. Ich habe Florence immer für ihren
Mut und ihre Disziplin bewundert."
"Unerhörte Spekulationen"
Der US-Leichtathletik-Verband reagierte betroffen. Vorsitzender Craig Masback:
"Florence Griffith-Joyner war eine bahnbrechende Athletin, sie war eine
der größten Athletinnen, die die amerikanische Leichtathletik je
hervorgebracht hat." Masback wandte sich gegen die "unerhörten
Spekulationen": "Florence Griffith ist in der Saison 1988, in der
sie ihre größten Siege errang, elfmal getestet worden. Und alle Ergebnisse
waren negativ."
Nach Aussagen der Polizeibehörden in Los Angeles soll eine Obduktion von
Florence Griffith-Joyner angeordnet sein. Eine endgültige Entscheidung
sei aber Sache der Staatsanwaltschaft. Florence Griffith-Joyner hatte bereits
1996 einen ersten Schlaganfall erlitten. Bei den Trials für Olympia 1988
hatte sie in Indianapolis den Weltrekord über 100 m auf sagenhafte 10,49
Sekunden geschraubt. In Seoul ließ sie dann über 200 m in 21,34 Sekunden
die nächste noch heute gültige Rekordmarke folgen. Zermürbt von
fortgesetzten Dopingspekulationen trat sie 1989 von der Bühne des Spitzensports
ab.