Kreatin
Ernährungskonzentratoder legales Doping?

Von Jörg D. Börjesson

Seit Jahren wird in vielen Sportarten Kreatin als beliebtes Mittel zur Leistungssteigerung eingesetzt. Manche sagen, wenn Athleten hierdurch ihre Leistung steigern wollen, ist das Manipulation.

Kreatin ist ein Mittel, was in jedem menschlichen Körper vorkommt. Sprinter und Werfer, aber auch Springer und Mehrkämpfer sind von Kreatin begeistert.

Als Nebenwirkung sind bisher Probleme mit dem Muskeltonus bekannt. Diese Folgen musste der deutsche Sprintmeister Marc Blume am eigenen Leibe erfahren. Aber seine Krämpfe und der plötzlich auftretende Leistungsrückgang führte er auf die falsche Dosierung zurück. Allerdings gibt es aber auch Hinweise, dass Kreatin Herzprobleme auslösen kann!

Kreatin: Ein Wundermittel ?
Es gibt z.B. aber auch Marathon-Läufer, die nach Einnahme von Kreatin von Krämpfe in den Beinen berichteten. Schuld daran wäre die pralle Muskulatur und eine schnelle Gewichtszunahme im Vorfeld. Manche Kreatin-Selbstversuche können also auch eindeutig negativ ausfallen.

Aber trotz alle dem, die Euphorie um das Pulver mit dem leistungssteigernden Effekt hält weiter an. Die Boomjahre waren so 1995/96. Vor allem in Schnellkraft-Sportarten wird sehr stark mit Kreatin gearbeitet. Der südafrikanischen Schwimmerin Penny Heyns wurde z.B. einmal vorgeworfen, ihre neun Weltrekorde seien auf die Einnahme von Kreatin zurückzuführen. Zuvor wurde sogar der italienische Fußballspieler Ravanell als gedopt beschrieben, nur weil er wochenlang Kreatin konsumiert hatte. Dabei ist am Schlucken dieser Substanz eigentlich überhaupt nichts Ehrenrühriges, schließlich steht sie auf keiner Dopingliste.


Legales Doping ?
Manche Sportzeitungen berichten im Zusammenhang mit Kreatin von „legalem Doping“. Als Kreatin in der Sportwelt auftauchte, wurden darüber wahre Wunderdinge erzählt. Erholungsfördernd und muskelbildend soll es sein und alles ohne Nebenwirkungen.

Der Brite Linford Christie gilt eigentlich als Paradebeispiel des Kreatin-Schluckers. Der Sprinter hantierte schon 1992 mit der Substanz. Seine wohlgeformten Muskelpakete hätte er der Wirkung von Kreatin zu verdanken. Inzwischen ist aber der frühere Olympiasieger in die Fänge der Doping-Fahnder geraten. Der Grund dafür soll blödsinnigerweise Kreatin gewesen sein: Christie behauptete damals, sein Kreatin sei mit unerlaubten Substanzen „verunreinigt“ gewesen. Bereits 1994 (die Substanz war zu der Zeit in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt) soll in der Schweiz bereits rund 200 Sportler regelmäßig Kreatin genommen haben.


Kreatin: Der erste Schritt zum Doping ?
Unterdessen gibt es kaum ein Sportler, ist egal ob in der Leichtathletik, Fußball, Handball, Eishockey, Ski, Tennis, Kunstturnen, Schwimmen, Bob oder Rudern, der nicht schon irgendwie mit Kreatin experimentiert hat; obwohl nach wie vor aber nicht klar umrissen ist, wem Kreatin etwas bringt. Wir schätzen, dass vor allem bei Skisportarten knapp die Hälfte der Kaderfahrer Kreatin-Konsumenten sind.

Generell anerkannt ist momentan einzig der Nutzen bei hoch intensiver Belastung (z.B. im Ausdauerbereich – wie beispielsweise beim Sprint). Es ist schwer zu sagen, ob tatsächlich die Gefahr besteht, dass ein zu früher Griff zu Kreatin den Schritt zu Doping erleichtert.

„Wenn Athleten durch Kreatin ihre Leistung steigern wollen, ist das für mich Manipulation“, könnte man sagen.

Aber sollte man denn wirklich Kreatin verbieten? Könnte es nicht gerade dann passieren, dass Kreatin somit erst recht einen besonderen Reiz bekommt? Somit wäre tatsächlich eine Contraproduktion ereicht. Und via Internet könnte man ohnehin problemlos dieses Kreatin beziehen.

Jetzt wird behauptet, dass Hobby-Sportler (z. B. in Skiklubs) Unmengen von Kreatin in sich rein schaufeln. Möglicherweise konsumieren sie das Pulver auch, weil es gegen Stress wirkt. Vielleicht wird dem Kreatin auch zu viel angedichtet. Das ändert aber wohl nichts an der Tatsache, dass man sich von Kreatin ein großes Geschäft verspricht. In den USA ist die Substanz bei einem Umsatz von jährlich zwei Milliarden Dollar die Nummer eins unter den Nahrungs-Ergänzungsmitteln. Das Marktpotenzial für die Schweiz schätzt man auf rund 90 Millionen Franken. Das Geschäft ist hart umkämpft. Erstmals wurde Kreatin im Herbst 1995 zugelassen. Mehr als 20 Produkte wurden auf den hiesigen Markt geworfen. Viele Produkte ähnlicher Art, wurden aber abgelehnt! Laut den Vertriebsfirmen ist der anfängliche Boom zwar zurückgegangen, das Interesse an Kreatin aber weiter hoch.

Muskelwachstum nicht belegt
Die disziplinierten Bodybuilder scheinen besonders viel Geld für Kreatin auszugeben: Wobei das Ganze auf unsicheren Grund gebaut ist, denn ein Muskelzuwachs mit Kreatin wurde bisher nicht belegt. Der größte Teil der Zunahme ist wohl auf Wasserablagerungen zurückzuführen.

EU-Wissenschaftler warnen vor Kreatin

Hochrangige europäische Wissenschaftler haben vor möglichen Gefahren und Nebenwirkungen des leistungssteigernden Präparats Kreatin gewarnt, das im internationalen Spitzensport seit mehreren Jahren weit verbreitet zum Einsatz kommt. Nach Informationen des Senders Freies Berlin (SFB) hat das Wissenschaftliche Komitee der Europäischen Union (EU) bereits im vergangenen September europaweit an Sportler appelliert, den Kreatin-Konsum zu reduzieren, bis die Langzeit-Effekte auf Leber, Nieren, Herzmuskel und Gehirn erforscht seien. Es gebe keine ausreichenden Erkenntnisse über die Wirkungen der Substanz, wenn ihre Konzentration wie von den Herstellern empfohlen, bis zu zwanzigfach über dem körpereigenen Niveau liege. Die EU-Forscher empfehlen in dem dem SFB vorliegenden Bericht, extrem hohe Dosierungen des bisher nicht auf der Dopingliste stehenden Präparats zu vermeiden. "Umfangreiche und genau kontrollierte Studien fehlen. Die uns vorliegenden Untersuchungen bei Hochleistungssportler können nicht zwangsläufig auf die Allgemeinheit übertragen werden", heißt es darin. Kreatin ist in Fleisch und Fisch enthalten und wird weltweit in Kraft-, Schnellkraft- und Ausdauer-Sportarten eingesetzt. Trotz anhaltender Diskussionen um das als Nahrungs-Ergänzungsmittel frei verkäufliche Produkt ist es bisher nicht auf die IOC-Liste verbotener Substanzen gesetzt worden. In jüngsten Untersuchungen in Deutschland wurden mit Nandrolon und verwandten Stoffen versetzte Kreatin- Produkte entdeckt. Sportler, die bei Dopingkontrollen positiv auf diese Substanzen getestet worden waren, erklärten diese Befunde mit der Einnahme von Kreatin.

Energiequellen und Leistungsdauer


Durch die Gabe von Kreatin in hohen Dosen (20-30g pro Tag in den ersten 7 Tagen) soll der Kreatinpool in den Muskelzellen erhöht werden und gleichzeitig die verfügbare Menge an Kreatinphosphat gesteigert werden. Damit verbunden ist eine Leistungssteigerung bei kurzzeitigen Belastungen. Dieses konnte in zahlreichen Testversuchen wissenschaftlich abgesichert werden.
Kreatin ist aber keine körperfremde Substanz, denn Kreatin kann vom menschlichen Organismus synthetisiert werden. Darüber hinaus kann Kreatin mit der Nahrung (Fleisch) aufgenommen werden. An der Biosynthese von Kreatin sind drei Aminosäuren beteiligt: Glycin, Arginin und Methionin.
Bei der Anwendung von Kreatin von Sportlern werden Kreatinmengen von 20-30g pro Tag eingesetzt, was in etwa der 10- bis 15-fachen Menge der körpereigenen Synthese und der durchschnittlich mit der Nahrung zugeführten Menge entspricht. Diese Anwendung wäre somit die Anwendung einer körperidentischen Substanz in abnormal hohen Mengen und könnte somit generell als Dopingmaßnahme betrachtet werden.

Nebenwirkungen:
Ob bei dieser unnatürlich hohen Zufuhr von Kreatin gesundheitliche Schäden entstehen können, kann zur Zeit nicht angegeben werden. Es ist allerdings bekannt, dass es bei hoher muskulärer Belastung und Kreatinanwendung zu Verhärtungen der Muskulatur und zu Folgeschäden kommen kann. Es wird darauf hingewiesen, dass es keine gesicherten Daten zur Unbedenklichkeit einer Langzeitanwendung hoher Kreatindosen gibt. Insbesondere gibt es keine ausreichenden Kenntnisse zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Kreatin auf andere Organe wie Leber, Niere, Gehirn und Herz. Der Umgang mit Kreatin wird deshalb als kritisch angesehen.

Ist Kreatin Doping ?
Kreatin wird von den medizinischen Kommissionen der Sportverbände zur Zeit nicht als Doping eingestuft. Ob diese Art der Zusatzernährung trotz sportethischer und gesundheitlicher Bedenken langfristig akzeptiert wird, kann nicht abgesehen werden. Vorstellbar wäre, dass ein Grenzwert ähnlich wie beim Koffein festgelegt wird, um die Anwendung hoher Mengen an Kreatin zu verbieten.


Quellen:
dpa, Gotzmann, A., Komanns, B., Adib, A., Bredehöft, M., Schänzer, W.: Kreatine- A doping substance ?
In: W. Schänzer, H. Geyer, A. Gotzmann, U. Mareck-Engelke (eds.) Recent advances in doping analysis (8).
Sport und Buch Strauß, Köln (2000)