Radprofi Mike Ellinger: „Ja, ich habe gedopt“
- Stellungnahme eines Dopingsünders

Schon im ersten Jahr als
Radprofi hat es ihn erwischt:
Mike Ellinger aus Schorndorf
wurde als Dopingsünder
entlarvt. Der 25-Jährige aber
sucht keine Ausflüchte in
präparierten Zahnpastatuben
oder verseuchten Müsliriegeln.
„Ja, ich habe gedopt“, sagt er.
Und das unter ärztlicher
Aufsicht.

 

Es ist kein einfaches Gespräch für Mike Ellinger. Er hat
unerlaubte Mittel genommen, er hat betrogen, er hat andere
belogen. Von Bekannten auf das Problem Doping
angesprochen, habe er immer beteuert: „Ich mach’ das
nicht.“ Auch als er schon die Spritze benutzt hatte. Denen
jetzt wieder gegenüberzutreten, ist ein schwerer Gang.

Auch vor dem Weg zur Zeitung hat er zwei Tage überlegt.
Stelle ich mich? Was sage ich? Er hat sich anders
entschieden als viele seiner Berufskollegen. Ellinger versteckt
sich nicht hinter Verschwörungstheorien und Fehlern im
Dopinglabor. „Ja, ich habe gedopt“, bekennt er. „Ich stehe
dazu.“ Aber er würde es nicht noch einmal machen. Aus
heutiger Sicht.

Doch damals, im Juni dieses Jahres, hat er sich anders
entschieden. Die deutsche Meisterschaft der Profis stand
bevor. „Da fährst du mit all deinen Vorbildern zusammen und da möchtest du nicht hinterherfahren.“

Die Gefahr, hinterherzufahren, war groß gewesen. Die Saison war für ihn bis dahin enttäuschend verlaufen. Dabei hatte er sich einen Traum erfüllt: Radprofi war er geworden. „Mehr oder weniger durch Zufall“ allerdings war er ins Elk-Haus-Team gekommen. Für die Österreicher war’s wie für
ihn der erste Schritt in den Profibereich gewesen. Kategorie
GS-3, die unterste. Dennoch sei es etwas völlig anderes als
im Amateurbereich, wo Ellinger zuletzt für den Stuttgarter SC
gefahren war.

Ellinger wagte den Schritt in eine ungewisse Zukunft,
kündigte seine Stelle, zog zu einem Teamkollegen nach Wien.
„Man muss in seinem Leben auch mal was riskieren“, sagt er.
Doch sein Risiko wurde nicht belohnt. Seine Leistung stimmte
nicht („Das lag ganz allein an mir“), also verdiente er durch
seinen leistungsbezogenen Vertrag auch wenig. 20000 Euro
hätten’s womöglich werden können, zu wenig zum Leben.
Ellinger kam nach drei Monaten zurück nach Schorndorf, fand
Arbeit in Winterbach. Klar, „das war ‘ne Niederlage“. Aber er
fuhr weiter Profiradrennen.

Dann kamen die deutschen Meisterschaften. „Ich war
Mittelmaß und wollte gut sein.“ Doping spiele zwar in den
Gesprächen unter Radsportlern keine Rolle, doch jeder für
sich bekäme schon mit, was es Neues auf dem Markt gebe.
Dann blieben schließlich noch zwei Möglichkeiten: sich das
Mittel illegal zu beschaffen oder zum Arzt zu gehen. Ellinger:
„Ich wollte ärztliche Betreuung.“ Die bekam er. Probleme,
einen Dopingarzt zu finden, gibt es offenbar nicht.

Zweimal setzte er das Mittel, das anabole Steroid
Norandrosteron, über einen Zeitraum von zwei bis drei
Wochen ein. An gesundheitliche Risiken „habe ich beim
Einnehmen nicht gedacht; später schon“.

Und die Angst vor Entdeckung? „Man denkt, man wird eh
nicht erwischt.“ Nur die ersten drei des Rennens werden
jedes Mal getestet. Doch zu denen werden weitere
ausgelost. „Vor und während des Rennens denkt man nicht
darüber nach. Danach hofft man, nicht auf der Liste zu
stehen.“ Beim Rennen im September in Wien, vor über 30000
Zuschauern, vor der Vollversammlung von Sponsoren, die
vielleicht einen besseren Vertrag bedeuten, hatte er kein
Glück, musste zur Kontrolle.

Und nun? War’s das wert? „Nein“, sagt Ellinger. Und hat er
überhaupt eine Leistungssteigerung durch das Mittel
bemerkt? „Nicht wirklich.“

Jetzt ist er erst einmal sechs Monate gesperrt.
Vertragsverhandlungen stehen an. Ob’s beim ElkHaus-Team
weitergeht, ist offen, aber auch nicht ausgeschlossen.
Ellinger ist dort nicht der einzige Dopingsünder. Zwei Kollegen
wurden ebenfalls erwischt. Einem wurde gekündigt. „Der hat
Frau und zwei Kinder und keine Einnahmen mehr. Darüber
macht sich keiner Gedanken. Es hängt halt immer mit Geld
zusammen. Kein Sponsor unterstützt ein Loserteam.“

Ellinger will nun „beweisen, dass ich auch ohne Doping gut
sein kann. Ich will’s noch mal wissen.“ Im Augenblick aber
steht das Rad in der Ecke. Im neuen Jahr greift er wieder an.
Weiterhin sieht er seine Radsport-Zukunft in erster Linie im
Ausland (Österreich oder der Schweiz). „Ich kann jetzt nicht
mehr in Schorndorf als Jugendtrainer anfangen.“

Mike Ellinger ist tief gefallen und doch mit einem blauen Auge
davongekommen. Denn wäre er nicht aufgeflogen, „ich weiß
nicht, ob ich nicht weitergemacht hätte“. Mit sicher
weitreichenderen Folgen als jetzt.

Aber auch so muss er mit den Konsequenzen klarkommen. Er
weiß, dass er gebrandmarkt ist. Und: „Wer einmal lügt, dem
glaubt man nicht.“

 


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