So stand es in der Zeitung
Der Patriot - 21.2.2005
 

Dem Klassiker einfühlsam Leben eingehaucht

 

"Spectaculum"-Theatergruppe brachte Lessings "Emilia Galotti" auf die Bühne. Publikum feierte Schauspieler enthusiastisch.

 
RÜTHEN. Besessenheit und Rachegefühle, Liebesschwüre und Intrigen: Lessings bürgerliches Trauerspiel Emilia Galotti gehört zu den Meilensteinen deutscher Literatur. Im 25. Jahr ihres Bestehens brachte Spectaculum, die Theatergruppe des Gymnasiums, dieses Stück der Aufklärung auf die Bühne mit großem Erfolg: Die Nachwuchsschauspieler wurden bei der Premiere am Samstag vom Publikum enthusiastisch gefeiert. 
Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Gegensatz zwischen den Tugendansprüchen des Bürgertums, das sich abgrenzen will vom vergnügungssüchtigen, oberflächlichen Adel, und höfischer Lebenspraxis. Emilia Galotti (zwischen Unbeschwertheit und Verzweiflung: Lisa Thöne) will den Grafen Appiani (Lukas Grawe) heiraten. Eine Ehe, die der Prinz von Guastalla (facettenreich: Christopher Beel) verhindern will, da er selbst das Bürgermädchen begehrt. Die Liebesvorstellungen des Prinzen, so subtil er sie als Gefühl für Emilia beschreibt, sind von körperlicher Anziehungskraft und Genussfreude geprägt. Seine Gefühle sind oberflächlich erst einige Wochen zuvor hatte er die Gräfin Orsina (im Widerstreit der Gefühle: Karolina Jagodzinski) mit der gleichen Leidenschaft begehrt. Spontan lässt er seinem Handlanger Marinelli (berechnend und diabolisch: Gregor Heine) freie Hand, um die Begehrte in seine Hände zu bekommen. Die Hochzeitskutsche des Grafen und Emilias wird überfallen. Appiani stirbt. Emilia wird auf das Lustschloss des Prinzen gebracht. Erst die Gräfin öffnet Emilias Vater Odoardo (ausdrucksstark: Niklas Hangebrauk) die Augen über die Intrigen, versucht ihn aus Rache gegen den Prinzen zu aktivieren. Doch dieser richtet den Dolch nicht gegen den Herrscher, sondern gegen seine Tochter, um ihre Ehre zu retten. 

Odoardos Bluttat mag zwar die Reinheit der Tochter bewahren, setzt aber gleichzeitig das moralische Regelsystem außer Kraft. Nur eine pervertierte Moralvorstellung kann einen Mord gutieren. Zurück bleibt der verzweifelte Prinz, der sämtliche Schuld auf Marinelli abzuwälzen versucht: Ist es nicht genug, dass Fürsten Menschen sind? Müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen? 

Spectaculum zeigte Schauspielkunst auf hohem Niveau, bewies, dass auch die Klassiker der Aufklärung heute noch in ihren Bann schlagen können, auch wenn die Handlungsweise der Protagonisten vor allem Emilias und ihres Vaters Odoardo aus heutiger Sicht unvorstellbar erscheint. Mit großem Einfühlungsvermögen hauchten die Darsteller den Charakteren Leben ein, verstärkten das gesprochene durch akzentuierte Gestik. Die Leistung der Schüler ist um so höher zu bewerten, da Lessing vor allem Wert auf das gesprochene Wort legt, die Handlung durch die Gespräche, die Interaktion, vorangetrieben wird, wobei Gesten sparsam und pointiert eingesetzt werden. Regisseur Hermann Bertling, der die Gruppe Spectaculum ins Leben gerufen hat, verzichtete auf ein opulentes Bühnenbild. Ein Bett, ein Sofa, ein Tisch und Stühle in wechselnder Konstellation stellen die verschiedenen Handlungsorte dar. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird auf die Handlung, die geschliffenen Dialoge fokussiert, auf die Tragödie, der keiner der Protagonisten entrinnen kann. Donnernder Applaus brandete nach der fesselnden Aufführung auf eine würdige Jubiläumsvorstellung. Weitere Aufführungen finden am heutigen Montag, am 23. und 26. Februar sowie am 1. und 3. März jeweils um 20 Uhr in der Alten Aula statt.

Tanja Frohne